Erfolgreicher db-Kongress in Stuttgart

Anders bauen Suffizienz in der Baukultur

»Anders bauen: dauerhafte Qualität statt zweifelhafter Quantität«: Rund 140 Architekten, Bau- und Klima-ingenieure sowie Vertreter aus Lehre und Forschung kamen am 13. Oktober in Stuttgart beim 2. Suffizienz-Kongress zusammen, um Fachvorträge zu hören und sich zum Thema auszutauschen.

Das »Entrümpeln der Welt« stehe an, so Harald Welzer bei seinem Vortrag auf dem zweiten db-Suffizienzkongress. Es braucht jedoch gute Gründe dafür, sich für weniger statt mehr beim Bauen oder im alltäglichen Konsumverhalten zu entscheiden. Nach dem erfolgreichen ersten Suffizienz-Kongress in Darmstadt im vergangenen Jahr wendete sich die db mit ihren Mitveranstaltern – werk.um architekten aus Darmstadt und dem Wuppertal Institut für Klima, Umwelt, Energie – erneut dem aktuellen Thema des Maßhaltens zu. Das Programm des zweiten Kongresses in Stuttgart widmete sich der Frage nach den Motivationen für suffizientes Bauen. Während bei der erfolgreichen ersten Veranstaltung im vergangenen Jahr das noch weitgehend unbekannte Thema der Suffizienz nach einer grundsätzlichen Einführung verlangte, ist es mittlerweile in den Medien und der Gesellschaft angekommen. Bei der diesjährigen Veranstaltung konnte also auf diese Grundlagen aufgebaut und auf ethische, gestalterische und v. a. auch wirtschaftliche Beweggründe ausführlich eingegangen werden.

Den wissenschaftlichen Teil des kompetenten Vortragsreigens eröffnete der renommierte Soziologe und Sozialpsychologe Harald Welzer mit Erläuterungen darüber, wie sehr die Zukunft unserer freien Wohlstandsgesellschaft davon abhängt, dem vermeintlich grenzenlosen Wachstum abzuschwören. Anja Bierwirth (Wuppertal Institut für Klima, Umwelt, Energie) und Arne Steffen (werk.um architekten) referierten gemeinsam sowohl zu den unterschiedlichen Motivationen und Notwendigkeiten für suffizientes Bauen und Wohnen als auch zu den zehn Parametern für suffiziente Architektur (s. db 6/2015, S. 26). Was es hieße, nicht nur baulich, sondern ganz grundsätzlich und konsequent das eigene Leben umfassend nach suffizienten Maßgaben auszurichten, davon berichtete Michael Kopatz (Wuppertal Institut). Studenten von der TU München, der TU Darmstadt und aus Heidelberg stellten ebenso ihre Arbeiten zum Thema vor, wie gleich eine ganze Reihe von Architekten ihre realisierten Projekte.
Dass durch Standardisierung von Gebäudekonstruktion und Fassade nicht die Ästhetik leiden muss, sondern vielmehr Freiraum für individuelle Wohnungsgrundrisse geschaffen werden kann, zeigte Architekt Christoph Heinemann (ifau Institut für angewandte Urbanistik) am Wohnprojekt R50 in Berlin (s. db 6/2015, S. 32). Unter Einbeziehung der Nutzer in den Planungsprozess entstand so auch ein großer Gemeinschaftsraum, der sowohl der Hausgemeinschaft als auch für Veranstaltungen des ganzen Stadtquartiers zur Verfügung steht.
Viel Zustimmung erhielt Architekt Herwig Spiegl (AllesWirdGut, Wien). Er präsentierte in engagierter Weise das Wiener magdas Hotel (s. db 6/2015, S. 48), bei dem trotz äußerst reduziertem Materialeinsatzes eine soziale und wirtschaftlich erfolgreiche Zwischennutzung eines leer stehenden Gebäudes gelang: Hotelgäste und Asylbewerber, die z. T. auch im Hotelbetrieb arbeiten, wohnen zusammen in einem Gebäude, das beinah ausschließlich mit gespendetem und aufgearbeitetem Mobiliar eingerichtet ist. Auch Gewerbebauten, die nach dem Prinzip des Maßhaltens entworfen und geplant wurden, können nicht nur durch bezahlbare Mieten überzeugen sondern auch dadurch, einen Ort mit identitätsstiftenden Charakter im suburbanen Niemandsland zu schaffen: Sehr anschaulich berichtete dazu Beat Rothen (Beat Rothen Architektur, Winterthur) vom Gewerbebau »Noerd« in Zürich (s. db 6/2015, S. 62).
Seine Sicht als Projektentwickler auf das Thema Suffizienz erläuterte Roderick Rauert (LBBW Immobilien Capital GmbH) exemplarisch am Apartmenthaus »Friends« von Allmann Sattler Wappner in München, das im Sommer 2016 fertiggestellt sein wird. Auch diesem exklusiven Wohnungsbauprojekt liegen Überlegungen zugrunde, durch welche zusätzlichen Nutzungsmöglichkeiten ein Weniger an Wohnfläche vom anspruchsvollen Klientel akzeptiert wird. So sorgen u. a. offene Grundrisse mit eingestellten Raummöbeln für mehr Großzügigkeit, und alle Bewohner werden die Aussicht von der großen Dachterrasse genießen können, da man auf ein Penthouse verzichtet.
Umso vielfältiger sich die Motivationen der verschiedenen Protagonisten für ein suffizientes Bauen während des Kongresstags entfalteten, umso deutlicher wurde erneut die Aktualität und Brisanz des Themas. Die db wird auch 2016 weiterhin Impulse zum Thema setzen. • ~red
Der Dank der Veranstalter (db deutsche bauzeitung, werk.um architekten, Wuppertal Institut für Klima, Umwelt und Energie) geht an ihre Partner aus der Industrie: HeidelbergCement, www.heidelbergcement.de FSB, www.fsb.de JUNG, www.jung.de