Abbruch des Aufbruchs

Die von Marco Alexander Hosemann gegründete Initiative City-Hof will das Hamburger Baudenkmal erhalten.

Die von Marco Alexander Hosemann gegründete Initiative City-Hof will das Hamburger Baudenkmal erhalten.

So traurig, grau und verlottert wie sie ausschauen, sind sie ein leichtes Opfer. Die vier gestaffelten, als »City-Hof« bekannten Hochhausscheiben mit einer verbindenden Ladenpassage auf dem abschüssigen Terrain

~Claas Gefroi

des einstigen Stadtwalls südlich des Hamburger Hauptbahnhofs. 1957 vom bedeutenden Hamburger Architekten Rudolf Klophaus direkt neben dem berühmten Kontorhausviertel errichtet, waren sie ein Fanal des modernen Wiederaufbaus, eine weithin sichtbare Landmarke am Eingang der Innenstadt. Die vier Scheiben besitzen nicht die Radikalität der Curtain-Wall-Hochhäuser dieser Zeit, aber gerade die Lochfassaden aus schneeweißen, quadratischen Leca-Keramikplatten und bündig eingesetzten kleinformatigen Fenstern spielten wunderbar mit den Motiven der dahinterliegenden Kontorhäuser und waren von hamburgischer Solidität und Dezenz. Schändlicherweise verschwanden die weißen Blähtonplatten in den 70er Jahren hinter grauem Eternit, aber die große städtebauliche Geste, mit der Querstellung der Hochhäuser den Raum zu öffnen und das Kontorhausviertel sichtbar zu machen, blieb bis heute erhalten. So ist der City-Hof eines der letzten Hamburger Beweise dafür, dass die Architekten der Nachkriegszeit durchaus sensibel und rücksichtsvoll zu planen vermochten. Konsequenterweise wurde das Ensemble daher 2013 unter Denkmalschutz gestellt.
Doch das kümmert Oberbaudirektor Jörn Walter und die Boulevardpresse wenig. Sie sind sich einig, dass dieser »Schandfleck«, dieser »Irrtum« verschwinden muss und agitieren seit Jahren für den Abriss – ohne ein einziges gewichtiges Argument zu nennen. Welch Glück für sie also, dass die Finanzbehörde das wertvolle innerstädtische Grundstück nun hochpreisig verkaufen will. Der Mieter, das Bezirksamt Hamburg-Mitte, war schon lange unzufrieden mit der von der Stadt systematisch vernachlässigten Immobilie und hat sich eine neue Bleibe gesucht. So wurde das Grundstück zum Verkauf ausgeschrieben. Die Vorgaben in der Ausschreibung tragen die Handschrift Walters: Die aufgelockerte, offene Stadtstruktur soll einem massiven achtstöckigen Backsteinblock weichen, der das Kontorhausviertel nach Osten schließt – angesichts der vorgesehenen Dichte auf dem schmalen Grundstück ein städtebauliches Unding. Als die Pläne publik wurden erhob sich Widerstand. Eine Bürgerinitiative, die Architektenkammer, Verbände, Historiker aber auch Architekten wie Volkwin Marg und Hadi Teherani kritisierten das Vorhaben vehement. Auf diesen Druck hin wurde die Ausschreibung um die Variante Erhalt mit Umnutzung erweitert. Doch dies ist Augenwischerei, weil die Stadt alles tat, um diese Option finanziell möglichst unattraktiv zu gestalten: Bei Erhalt hat zwingend eine denkmalgerechte Sanierung mit Wiederherstellung des ursprünglichen Fassadenbilds zu erfolgen, was wenig Spielräume für eine Umgestaltung und Erweiterung lässt. Aufstockungen der Hochhäuser sind nicht möglich. Das Mindestgebot muss wie bei der Abrissvariante mindestens 20 Mio. Euro betragen. Bei einem Erhalt des City-Hofs erhielte der Investor nur 30 000 m² BGF, beim Neubau hingegen 43 000 m², weil in diesem Falle eine zusätzliche Fläche bebaut werden darf. Und da kein Gutachten zum Zustand der Gebäude vorliegt, ist eine Abschätzung der Sanierungskosten nahezu unmöglich.
So scheint das Schicksal des City-Hofs besiegelt. Mit ihm wird nicht nur ein weiteres wichtiges Zeugnis des architektonischen und städtebaulichen Aufbruchs der 50er Jahre zertrümmert, sondern auch die Glaubwürdigkeit der Stadt. Wie soll man von privaten Denkmaleigentümern noch erwarten, dass sie ihre Schutzbefohlenen erhalten und pflegen, wenn die Stadt sich die Freiheit nimmt, ihre Denkmäler nach Gutdünken zu opfern – trotz einer im Denkmalschutzgesetz festgeschriebenen städtischen Selbstverpflichtung zum Erhalt. All das ist umso bedauerlicher, als nicht nur der Denkmalschutz, sondern auch die nachkommenden Generationen die Qualitäten der Architektur und des Städtebaus dieser Epoche für sich entdecken. Die Initiative City-Hof besteht vorwiegend aus der Generation U40; ihr Gründer Marco Alexander Hosemann ist ein blutjunger Architekturstudent. Und die gerade präsentierten Ergebnisse des diesjährigen Rudolf-Lodders-Preises zur Umnutzung des Ensembles zeigen eindrucksvoll, welche Potenziale Architekturstudenten in diesen »Klötzen« (»Bild«-Zeitung) erspüren. In den 60er und 70er Jahren hatte eine junge Generation die Chance, die gründerzeitliche Stadt neu zu bewerten und so gegen die seinerzeitige Abrisswut (in Teilen) zu verteidigen. Die heutigen Jungen entdecken nun gerade die Bauten der 50er, 60er und 70er Jahre – doch sie haben keine Möglichkeit, zu zeigen, welche Qualitäten und Perspektiven sie bieten. Ökonomische Zwänge, Populismus und ein stadtplanerischer Rigorismus stehen dem entgegen. So wäre es dringend an der Zeit, innezuhalten und aus der Geschichte zu lernen. Kluge Stadtplanung öffnet sich neuen Sichtweisen und zementiert nicht alte Leitbilder, denn sie plant für die Zukunft. Und die gehört nicht den Altvorderen, sondern den Jungen.
{Der Autor ist Architekturkritiker in Hamburg.